Mittwoch, 13. Juni 2012

Eine umfassende Arbeit zur Verlogenheit des feministischen Begriffs "Patriarchat"

Die folgende Arbeit stammt von Dr. habil. Heike Diefenbach und wurde ursprünglich auf dem Blog "Kritische Wissenschaft" publiziert. Sie deckt in umfassender und wissenschaftlich stichfester Art und Weise auf, wie Feministen den Begriff "Patriarchat" missbrauchen und dass es in Tat und Wahrheit nie so etwas wie ein von den Feministen ständig beschwörtes "Patriarchat" gegeben hat.

Unbedingte Leseempfehlung.

---

Patriarchat

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wortherkunft und Wortgebrauch

 

 

Der Begriff “Patriarchat” ist abgeleitet vom griechischen πατριάρχης patriarches “Erster unter den Vätern” bzw. “Stammesführer” oder “Führer des Vaterlandes” (aus πατήρ patér „Vater“ und ἄρχων archon. Im Neugriechischen bedeutet αρχη “Beginn, Start”, im Altgriechischen “Macht”. In der Septuaginta wird der Begriff in der Bedeutung von “Erzvater” verwendet. Dementsprechend wurde der Begriff “Patriarch” im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Synonym für die Stammväter der Israeliten vor der Sintflut und nach ihr bis zum Auszug der Israeliten aus Ägypten verwendet. Daraus erklärt sich auch die Assoziation von “Patriarch” mit einem alten Mann, der Kinder, Enkel und Enkelkinder hat, denn von den Stammvätern der Israeliten wird in der Bibel berichtet, dass sie ein sehr hohes Alter erreichten. In der christlichen Kirche wurde der Begriff “Patriarch” schon früh als Ehrentitel für geistliche Würdenträger benutzt, ohne dass dieser Titel notwendigerweise Gewalt über andere Geistliche implizierte. Dies berichtet Johann Christoph Abelung in seinem “Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen”, der 1777 in Leipzig erschienen ist. Dort wird das “Patriarchat” als “… die Würde, die Stelle eines Patriarchen in der zweiten Bedeutung”, d.h. mit Bezug auf kirchliche Würdenträger, und als deren “geistliches Gebiet, de[r]en Kirchensprengel” bezeichnet – und es werden keine anderen Wortbedeutungen genannt (Abelung, 1777, S.981).

Die Übertragung des Begriffs “Patriarchat” zur Bezeichnung sozialer bzw. gesellschaftlicher Organisationen, in denen Väter und oder Männer (Letzteres ist dem Begriff eigentlich nicht angemessen) Mütter oder Frauen vermeintlich oder tatsächlich dominieren und über größere Lebenschancen oder Selbstbestimmungsrechte verfügen als Frauen, erfolgte erst im 19. Jahrhundert, und zwar unter dem Einfluss der fortschreitenden Säkularisierung, gesellschaftlicher Umbrüche im Zusammenhang mit der sozialen Frage, der Verbreitung evolutionistischen Gedankengutes in der Folge Darwins und der sich damals gerade entwickelnden Wissenschaft der Sozial- oder Kulturanthropologie oder Ethnologie. In dieser Gemengelage von Ideen, Anliegen und Informationen waren viele fasziniert von der Frage, wie die neu entdeckte Urgeschichte des Menschen ausgesehen habe oder haben könnte, und spekulierten über die Existenz evolutionärer Stufen, die in die Realität der westlichen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts geführt hätten (Eller, 2011, S.109;112). Das Patriarchat wurde als Charakteristikum einer oder verschiedener dieser evolutionären Stufen betrachtet, und je nachdem, wie man die vermutete evolutionäre Entwicklung als Ganze und die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse bewerten wollte, wurde das Patriarchat als höhere oder niedrigere Entwicklungsstufe menschlicher Gesellschaftsordnung beurteilt. Dementsprechend wurde in dieser Zeit über das Patriarchat selten wertneutral gesprochen.

Einhundert Jahre später definiert Hillmann das “Patriarchat” in seiner sozialwissenschaftlichen Bedeutung jedoch wertneutral als “‘Vaterherrschaft’, Vaterrecht; die Herrschafts- u[nd] Einflussordnung einer Ges[ellschaft], in der die für die Organisation u[nd] den Ablauf der wichtigen soz[ialen] Beziehungen gültigen u[nd] maßgebenden Werte, Normen u. Verhaltensmuster von den jeweils älteren Männern, den Vätern, bestimmt, geprägt, kontrolliert u[nd] repräsentiert werden” (Hillman, 1994, S.656).

In der Familiensoziologie wird als “Patriarchat” – enger und in besserer Entsprechung zur Wortbedeutung und in Anlehnung an die römische Familie bzw. den pater familias – eine Form der familialen Organisation bezeichnet, die dem Familienvater als dem “Herrn des Hauses” die Herrschaft über die anderen Familienangehörigen zuschreibt (Burkhart, 2008, S.118/119), wobei diese Herrschaft gewohnheitsrechtlich oder juristisch verankert sein kann und im Einzelfall zu klären ist, wer warum zur Familie gehört und wer nicht, denn der pater familias muss keineswegs in biologischen Verwandtschaftsbezügen zu allen Angehörigen seiner Familie bzw. seines Haushaltes vorstehen.

Die gänzliche Ablösung des Begriffs “Patriarchat” von Vätern (und Verschiebung hin zu Männern unabhängig von ihrem Vater-Sein oder ihrem Alter) bei gleichzeitiger Unterschlagung der Verpflichtungen, die mit Rechten einhergehen, erfolgte erst im Rahmen des Feminismus, der die deskriptive Bedeutung von “Patriarchat” als einer realen oder hypothetischen Gesellschafts- oder Familienordnung, in der Väter bzw. ältere Männer dominieren, in weiteren wichtigen Hinsichten transformiert hat: Erstens liegt dem Feminismus und insbesondere dem Staatsfeminismus die Annahme zugrunde, dass eine systematische Dominanz von Männern über Frauen (auch) in der westlichen Welt und in modernen Gesellschaften eine empirische Tatsache sei, d.h. dass eine angemessen als “Patriarchat” zu bezeichnende Gesellschaftsordnung tatsächlich existiere. Zweitens ist im Feminismus an die Stelle der deskriptiven Bedeutung von “Patriarchat” die negative Wertung desselben als ein zu bekämpfender Mißstand getreten. Der Begriff “Patriarchat” ist damit zum Kampfbegriff des Feminismus geworden, und zumindest einige Feministinnen bezeichnen und gebrauchen den Begriff “Patriarchat” auch selbst explizit als Kampfbegriff. Diese Auffassung vom “Patriarchat” als real existierender systematischer Unterdrückung von Frauen durch Männer und als Kampfbegriff bringt die prominente Kritikerin eines “kapitalistischen Patriarchats” Maria Mies auf den Punkt: “‘Patriarchy’ literally means the rule of fathers. But today’s male dominance goes beyond the ‘rule of fathers’ it includes the rule of husbands, of male bosses, of ruling men in most societal institutions, in politics and economics, in short, what has been called ‘the men’s league’ or ‘men’s house’. In spite of these reservations, I continue to use the term patriarchy. My reasons are the following: the concept ‘patriarchy’ was rediscovered by the new feminist movement as a struggle concept, because the movement needed a term by which the totality of oppressive and exploitative relations which affect women, could be expressed as well as their systematic character. Moreover, the term ‘patriarchy’ denotes the historical and societal dimension of women’s exploitation and oppression, and is thus less open to biologistic interpretations, in contrast, for example, to the concept of ‘male dominance’” (Mies, 1998, S.37).

 

Wenn der Begriff “Patriarchat” als Kampfbegriff gebraucht wird, lässt sich dies daran erkennen, dass die konnotative Bedeutung gegenüber der denotativen in den Vordergrund gerückt wird, d.h. eher die Beziehung des Sprechers zum Gemeinten bzw. dessen Bewertung durch den Sprecher als das Gemeinte selbst erläutert wird, so dass der Begriff auf die Bezeichnung eines abzulehnenden Mißstands festgelegt wird, wie dies im oben stehenden Zitat von Mies, aber auch in der folgenden Erläuterung von Walby ihres Gebrauchs des Begriffs “Patriarchat” der Fall ist: “… I shall define patriarchy as a system of social structures, and practices in which men dominate, oppress and exploit women” (Walby, 1989, S.214). Oder die Begriffe “Patriarchat” oder “patriarchalisch” verweisen in tautologischer bzw. zirkulärer Weise aufeinander, statt das Gemeinte zu erläutern, wie im folgenden Beispiel: “I think that there are six main patriarchal structures which together constitute a system of patriarchy. These are: a patriarchal mode of production in which women’s labour is expropriated by their husbands; patriarchal relations within waged labour; the patriarchal state; male violence; patriarchal relations in sexuality; and patriarchal culture” (Walby, 1989, S.220).

Empirischer Gehalt des Begriffs “Patriarchat” oder: Gibt es “Patriarchate” oder gar das “Patriarchat”?

Ob sinnvoll von einem oder gar dem Patriarchat gesprochen werden kann, hängt davon ab, dass klar angegeben wird, wann genau von einer Herrschaft, Dominanz oder Vormachtstellung von Vätern oder Männern gegenüber Müttern oder Frauen gesprochen werden soll, und dass nachgewiesen wird, dass aufgrund dieser Kriterien in einem konkreten Fall vom Vorliegen einer solchen Herrschaft, Dominanz oder Vormachtstellung von Vätern oder Männern gesprochen werden kann. Erst wenn dies erfolgt ist, kann vernünftigerweise darüber diskutiert werden, ob und aus welchen Gründen man dies als Mißstand bewerten sollte oder könnte. Weil klare Antworten auf diese Fragen in der Regel nicht gegeben werden, ist die intersubjektive Verständigung schwierig, und dies dürfte zumindest zum Teil erklären, warum große Uneinigkeit darüber besteht, ob irgendwann irgendwo ein “Patriarchat” herrscht/e oder es sogar das “Patriarchat” schlechthin gegeben hat oder derzeit gibt oder nicht.
Zur Klärung des empirischen Gehaltes des Begriffs “Patriarchat” ist es also notwendig, sich auf einen spezifischen Patriarchatsbegriff zu beziehen oder anzugeben, auf welchen konkreten Kontext man die Rede vom “Patriarchat” bezieht. Ungeachtet der zahlreichen Variationen im Detail lassen sich prinzipiell drei Patriarchatsbegriffe zur Bezeichnung von Formen gesellschaftlicher Ordnung unterscheiden, nämlich
  1. das Patriarchat als gesellschaftliche Organisationsform vorindustrieller Bevölkerungen,
  2. das Patriarchat als Form familialer Organisation,
  3. das Patriarchat als (aktuell zu beobachtende) gesellschaftliche Organisationsform postindustrieller, moderner Staaten oder der Weltbevölkerung insgesamt. 

 

1. Das Patriarchat als gesellschaftliche Organisationsform vorindustrieller Bevölkerungen

 

 


Das Patriarchat wird häufig als die gesellschaftliche (oder in diesem Kontext häufig treffender: gemeinschaftliche) Organisationsform vorindustrieller Bevölkerungen betrachtet, die unter den Bedingungen der modernen oder postindustriellen Gesellschaft überwunden sei oder noch überwunden werden müsse, weil aufgrund der in diesen Gesellschaften anderen Lebensumstände der Menschen keine Plausibilität oder Legitimität mehr habe. Jedenfalls wird behauptet, das Patriarchat sei eine historische Tatsache. Diese Vorstellung wird in zwei Varianten formuliert. Beide Varianten erläutern nicht, was genau unter “Patriarchat” zu verstehen sei und woran man es erkennen könnte; vielmehr wird beschrieben, unter welchen Umständen es sich entwickelt habe. Die erste Variante argumentiert diesbezüglich mit Ressourcenknappheit oder, wenn man so sagen will: relativer Armut, die zweite Variante argumentiert – im Gegenteil – mit relativem Wohlstand.

1.1 Das Patriarchat als Reaktion auf Ressourcenknappheit

 

Nach der ersten Variante, die z.B. der teilweise soziobiologisch argumentierende Kulturanthropologe Marvin Harris vertritt, entwickelt sich ein Patriarchat in Folge knapper Ressourcen und hierdurch bedingter Kriegführung sowie Bevölkerungsdruck. Diese wiederum hätten auf eine Bevorzugung männlicher Kinder und die Polygynie, also die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen, hingewirkt – wobei offen bleibt, warum nicht das Gegenteil der Fall ist, also eine Frau als das aufgrund der postulierten Bevorzugung männlicher Kinder ‘knappere Gut’ mehrere Männer geheiratet haben sollte. Das habe zu “Neid, Ehebruch, einem geschlechtsbedingten Antagonismus zwischen Männern einerseits und Frauen andererseits sowie zu Feindseligkeiten zwischen Männern und zwar besonders zwischen den jungen Männern, die keine Frauen haben, und den älteren Männern, die mehrere besitzen …” (Harris, 1989: 355) geführt, wobei auch hier offen bleibt, warum das der Fall gewesen sein soll. Dementsprechend sei “in allen Gesellschaften, die wenig Krieg führen und nur einem geringen Bevölkerungsdruck ausgesetzt sind, der Komplex männlicher Suprematie nur schwach ausgeprägt oder praktisch nicht vorhanden …” (Harris 1989: 355), und dies gelte für “viele Wildbeutergesellschaften” (Harris 1989: 355).

Demnach sind es also spezifische “vorindustrielle…[...] Bedingungen” (Harris 1989: 353) der Ressourcenknappheit, die ein Patriarchat begründet haben sollen. Falls dies zuträfe, würde es keinen Sinn machen, von dem Patriarchat zu sprechen, sondern patriarchalische Organisationsformen wären historisch dann und dort entstanden, wann und wo Ressourcenknappheit herrschte. Patriarchate wären also zeitlich und räumlich klar spezifizierte gesellschaftliche Phänomene.

Kritik:

 

In dieser Darstellung wird zwar begründet, warum sich ein Patriarchat entwickelt haben könnte oder müsste, wenn die angegebenen Umstände vorlagen, aber die Darstellung enthält weder einen Nachweis der Existenz eines Patriarchats in Gesellschaften, der voraussetzen würde, dass Angaben darüber gemacht werden, was die ein Patriarchat definierenden Elemente wären bzw. woran man ein Patriarchat erkennen könnte, noch einen Nachweis dafür, dass vorindustrielle Lebensbedingungen in nennenswert vielen Fällen von “Ressourcenknappheit” gekennzeichnet gewesen wären. Darüber hinaus weist die gegebene Begründung (wie oben schon angedeutet) erhebliche Argumentationslücken auf.

Vor allem aber ist “Ressourcenknappheit” kein absoluter Begriff, sondern ein relativer, und der Zusammenhang zwischen Ressourcenknappheit und patriarchalischer Organisationsform kann daher ohne eine Festlegung dessen, was genau als “Ressourcenknappheit” gelten soll, nicht geprüft bzw. widerlegt werden: Wenn keine patriarchalische Organisationsform beobachtet würde, dann wären die Ressourcen eben nicht (hinreichend) knapp (gewesen), und wenn eine patriarchalische Organisationsform beobachtet würde, würde dies automatisch als Beleg dafür gedeutet, dass Ressourcen (hinreichend) knapp sind oder gewesen sein müssen. Es handelt sich also um eine Darstellung, deren Richtigkeit kaum durch empirische Daten überprüft werden kann; man kann sagen: sie stimmt immer (irgendwie), und deshalb, eben als weitgehend unprüfbare Aussage über die vergangene Realität, kann die Darstellung keine Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben und hat dementsprechend keine Aussagekraft über die Formulierung hypothetischer Zusammenhänge hinaus.

Will man von den Verhältnissen in bestimmten zeitgenössischen (technologisch) einfache(re)n Gesellschaften auf die Verhältnisse der Menschheit im Ganzen zu früheren Zeiten schließen, dann ist dies nur möglich, wenn man voraussetzt, dass diese materiell oder technologisch einfache(re)n Gesellschaften in ihrer Entwicklung “stehengeblieben” seien und ihre Lebensweise deshalb der Lebensweise der Menschen in früheren Zeiten entspräche. Dies ist aber selbst eine spezifisch westliche Vorstellung vom Verlauf der Menschheitsgeschichte und von der relativen Bedeutung materieller und kultureller Komplexität für Fortschritt und Zivilisation (Berhard 1988: 63/64). Darüber hinaus sind heute beobachtete “Traditionen” häufig gar keine, sondern relativ neue Phänomene, die teilweise ganz bewusst zur Verfolgung bestimmter Interessen entwickelt und vermarktet werden.FN1

1.2 Das Patriarchat als Reaktion auf Wohlstand und Privateigentum: Die Vertreibung aus dem kommunistischen Paradies

 



Friedrich Engels

In der zweiten Variante wird die Existenz eines, also des, Patriarchats als Epoche der universellen Menschheitsgeschichte behauptet, der wiederum eine Epoche des Matriarchats oder “Mutterrechts” vorausgegangen sei. Diese Vorstellung ist heute untrennbar mit dem Namen Friedrich Engels verbunden, der gemeinsam mit Karl Marx das Kommunistische Manifest verfasst hat und neben Marx selbst als Begründer des Marxismus gilt. Engels hat sie im Jahr 1884 in seinem Buch “Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats” (1984[1884]) formuliert, das bis heute als Grundlagenwerk der marxistischen und der kommunistischen Weltanschauung gilt.

Engels ging davon aus, dass eine “kommunistische Haushaltung … die sachliche Grundlage jener in der Urzeit allgemein verbreiteten Vorherrschaft der Weiber …” (Engels 1984[1884]: 61) gewesen sei. 

Letztere sei dadurch begründet, dass in der frühen Menschheitsgeschichte Gruppenehe geherrscht habe und dort, wo Gruppenehe herrsche, Vaterschaft praktisch nicht feststellbar und daher “die Abstammung nur von mütterlicher Seite nachweisbar sei, also nur die weibliche Linie anerkannt wird” (Engels 1984[1884]: 53). Engels übernimmt für die so begründete “Vorherrschaft der Weiber” den Begriff des “Mutterrechts” von Johann Jakob Bachofen (1975[1861], der seinerseits gemeint hatte, aus seiner Interpretation antiker Mythen auf einen tatsächlichen historischen Übergang vom Vater- zum Mutterrecht, der in den Mythen in symbolischer Sprache beschrieben werde, schließen zu können.FN2



Friedrich Engels: “Der Ursprung der Familie”

Mit der Domestizierung von Tieren und der folgenden Viehzucht hätte sich, so Engels, erstmals in der Menschheitsgeschichte eine “ungeahnte Quelle des Reichtums” (Engels 1984[1884]: 66) entwickelt, und hieraus hätte sich “schon früh … Privateigentum an den Herden entwickelt [haben müssen]” (Engels 1984[1884]: 66). Dies wiederum habe zu einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften zur Betreuung der eigenen Herden geführt, und dies sei der Grund dafür, dass die Sklaverei erfunden worden wäre und Frauen nunmehr einen “Tauschwert” erhalten hätten (Engels 1984[1884]: 67), und zwar von Männern bzw. für Männer. Engels meint nämlich zu wissen, dass “[n]ach dem Brauch der damaligen Gesellschaft … der Mann auch Eigentümer der neuen Nahrungsquelle, des Viehs, und später des neuen Arbeitsmittels, der Sklaven” (Engels 1984[1884]: 68) gewesen sei. Männer hätten nach Engels die Kontrolle über Frauen aber nicht nur angestrebt, weil sie Frauen als Arbeitskräfte benötigten, sondern auch deshalb, weil sie ihren Reichtum an ihre eigenen, biologischen Kinder vererben wollten, und es hierzu notwendig gewesen wäre, die sexuelle Treue der eigenen Frau(en) sicherzustellen und die Erbfolge nur nach der mütterlichen Linie aufzuheben. Hier setzt Engels die von ihm postulierte alleinige Anerkennung der Abstammung einer Person von der mütterlichen Seite umstandslos in einen notwendigen Zusammenhang mit der alleinigen Erbschaftsfolge in der mütterlichen Linie, die sich angeblich “daraus [aus der ausschließlichen Anerkennung der Abstammungsfolge nach der Mutter] … mit der Zeit ergeben[...]“(Engels 1984[1884]: 53) habe: “In dem Verhältnis also, wie die Reichtümer sich mehrten, gaben sie einerseits dem Mann eine wichtigere Stellung in der Familie als der Frau und erzeugten andrerseits den Antrieb, diese verstärkte Stellung zu benutzen, um die hergebrachte Erbfolge zugunsten der Kinder umzustoßen. Dies ging aber nicht, solange die Abstammung nach Mutterrecht galt. Diese musste also umgestoßen werden, und sie wurde umgestoßen” (Engels 1984[1884]: 68). Diesen fiktiven Umsturz des Mutterrechts bezeichnet Engels als die “weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts” (Engels 1984[1884]: 70; Hervorhebung im Original).

Die monogame Familie ist für Engels also eine Institution des Patriarchats, die “im Keim nicht nur Sklaverei …, sondern auch Leibeigenschaft [enthält], da sie von vornherein Beziehung hat auf Dienste für Ackerbau. Sie enthält in Miniatur alle die Gegensätze in sich, die sich später breit entwickeln in der Gesellschaft und in ihrem Staat” (Engels 1984[1884]: 71; Hervorhebung im Original), womit Engels auf den Klassenantagonismus zwischen den Besitzern von Produktionsmitteln und den Nicht-Besitzern von Produktionsmitteln verweist. Mit der “bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion” sieht Engels daher das Auftreten eines neuen Menschengeschlecht[es] verbunden: “ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu erkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mann hinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen” (Engels 1984[1884]: 98/99).

Es verwundert daher nicht, dass der Feminismus wie der Kommunismus oder Sozialismus nach Engels und anderer Vertreter des Sozialismus (wie August Bebel) im 19. Jahrhundert ebenso wie heute in einem engen Zusammenhang standen bzw. stehen, und beide mehr oder weniger durch Eigentums- Leistungs-, Wettbewerbs- und allgemeine Wirtschaftsfeindlichkeit sowie durch Rationalitätsfeindlichkeit und eine konsequente Individualismus- und allgemeine Männerfeindlichkeit gekennzeichnet sind, denn damit das “neue Geschlecht” Engels’ auftreten kann, muss “[d]ie platte Habgier … [als] die treibende Seele der Zivilisation von ihrem ersten Tag bis heute, Reichtum und abermals Reichtum und zum drittenmal Reichtum, Reichtum nicht der Gesellschaft, sondern dieses einzelnen lumpigen Individuum, ihr einzig entscheidendes Ziel” (Engels 1984[1884]: 204; Hervorhebung d.d.A), überwunden werden, und nach Engels sind die “lumpigen Individu[en]“, die aus “platte[r] Habgier” nach Reichtum streben, ja Männer. Frauen erscheinen daher nicht nur als Opfer historischer Umstände, sondern als Opfer von Männern, und dies suggeriert, Frauen seien bessere Menschen als Männer, seien kollektivistisch, würden nicht oder weniger nach Reichtum streben als Männer. Männer und Frauen stehen einander daher nicht nur als antagonistische Klassen gegenüber, sondern sie werden nach moralischen Maßstäben in ein hierarchisches Verhältnis gestellt; Frauen werden Männern moralisch übergeordnet.FN3

Bei der Entwicklung der beschriebenen Auffassung vom Patriarchat hat sich Engels – wie der Untertitel des “Ursprungs der Familie” schon sagt – sehr viel von dem übernommen, was der Amerikaner Lewis Henry Morgan in seinem Buch mit dem Titel “Ancient Society” (Morgan 1878) beschrieben und argumentiert hat. Engels hat dieses Buch allerdings nie selbst gelesen, sondern hat seine Kenntnis dessen, was in diesem Buch steht, aus den Notizen bezogen, die Marx aufgrund seiner Lektüre des Buches von Morgan angefertigt hat (Eller 2011: 105; 107; Engels 1984[1884]: 217, Anmerkung 10). Wie oben bereits angedeutet hat Engels auch Anleihen bei Johann Jakob Bachofen gemacht (Eller 2011: 109), und einiges spricht dafür, dass Engels sein Interesse an der Stellung von Frauen in der Gesellschaft erst entwickelt hat, nachdem er August Bebels “Die Frau und der Sozialismus” “Bebel 1974[1879]) gelesen hatte (Eller 2011: 115). Und bereits Bebel, der Begründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und (gemeinsam mit Karl Liebknecht) der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Jahr 1869, hat in diesem Buch formuliert: “Die Geltung des Mutterrechts bedeutete Kommunismus, Gleichheit aller; das Aufkommen des Vaterrechts bedeutete Herrschaft des Privateigentums, und zugleich bedeutete es Unterdrückung und Knechtung der Frau” (Bebel 1974[1879]: 63; Hervorhebung im Original). Gleichheit aller, Kommunismus und “Mutterrecht” werden von Bebel also ebenso wie von Engels in einem gegenseitigem Bedingungsverhältnis gesehen; wer das eine will, muss auch das andere wollen (oder zumindest in Kauf nehmen).

Kritik:

 

Zunächst gilt für Engels Darstellung, was schon für die Darstellung von Harris galt, dass sie nämlich keinen Nachweis der Existenz eines Patriarchats, hier: eines (mehr oder weniger?) universellen Patriarchats seit Anbruch der menschlichen Zivilisation enthält. Dies sieht er als gegeben an, möglicherweise deshalb, weil hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Geschlechtern in den westlichen Gesellschaften zu seiner Zeit sicherlich von einer juristisch abgesicherten Bevorteilung von Männern gegenüber Frauen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gesprochen werden kann. Er möchte vielmehr belegen, dass es zum Patriarchat nicht nur eine Alternative in der Zukunft geben könnte, sondern dass es im Matriarchat einmal eine universell gelebte Alternative zum Patriarchat gegeben hätte. Hierin folgt er ganz und gar Lewis Henry Morgan, dessen Buch –wie es sich in den Notizen von Marx präsentiert hat (s.o.) – niedergeschlagen haben – er im “Ursprung der Familie…” verarbeitet hat.FN4

Insbesondere stützt sich Engels auf Morgans Überzeugung, dass bestimmte Verhältnisse bei den Irokesen, einem Zusammenschluss verschiedener indigener Gruppen im Nordosten Nordamerikas, und insbesondere ihr matrilineares Verwandtschaftssystem und ihre Verwandtschaftsterminologie “Überbleibsel” eines ehemals existierenden Matriarchats seien. Bei den Irokesen werden die Schwestern der Mutter, aber nicht die des Vaters, mit dem Begriff bezeichnet, mit dem die Mutter selbst bezeichnet wird, und auch die Parallelcousinen und Schwestern werden mit demselben Terminus bezeichnet (Kreuzcousinen aber mit einem anderen) (Womack 1998: 163).FN5 Für Morgan zeigte die Praxis, bei matrilinearer Abstammungsregel kollaterale Verwandte mit denselben Termini wie lineare Verwandte zu bezeichnen, dass in der frühen Menschheit Gruppenehen üblich gewesen seien, denn wenn die Schwestern meiner Mutter ebenso wie meine Mutter die Frauen (auch) meines Vaters sind, dann mag es plausibel erscheinen, dass ich sie gleichermaßen als meine Mütter bezeichne und deren Töchter (also meine Parallelcousinen mütterlicherseits) als meine Schwestern.

Allerdings sollte man sich nicht – wie Morgan – von der Existenz klassifikatorischer Verwandtschaftsterminologien (der Begriff stammt von Morgan selbst), bei denen für lineare und kollaterale Verwandte dieselben Bezeichnungen verwendet werden (Srivastava 2005: 101/102), darüber hinwegtäuschen lassen, dass gleiche Bezeichnungen nicht unbedingt gleichartige Beziehungen und damit gleichartige Rechte und Pflichten gegenüber denjenigen, die gleich bezeichnet werden, implizieren. So wenden sich auch bei den Irokesen Kinder in der Regel zunächst an ihre eigene (biologische) Mutter, wenn sie Hunger oder sonst ein Bedürfnis spüren, als an deren Schwestern, und von der biologischen Mutter erwartete man auch bei Irokesen normalerweise zuerst, dass sie versucht, die Bedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen.FN6



Patrilineare Abstammungslinie; Dreieck = männlich, Kreis = weiblich

Darüber hinaus bilden Abstammungs- und Erbschaftsfolgen, die nur die weibliche Linie anerkennen, also Matrilinearität, ebenso wie Matrilokalität (d.h. die Wohnfolge eines Paares bei der Familie der Frau; Panoof & Perrin 1982: 202) oder die Existenz von Frauen in wichtigen Ämtern noch kein Matriarchat, also keine Mütter- oder Frauenherrschaft, ab. So herrscht z.B. bei den Nayar in Indien Matrilinearität. Einer Matrilineage gehören alle Männer und Frauen an, die auf eine bestimmte Vorfahrin zurückgeführt werden können und Kinder weiblicher Mitglieder der Gruppe sind. Diese Gruppe stellt eine Art Kooperative dar, die ein bestimmtes Land und bestimmte Häuser besitzt und bestimmte Rechte an ihren Mitgliedern (z.B. mit Bezug auf ihre Arbeitskraft) hat. Die Kontrolle über diesen Besitz übt in der Regel aber der älteste Mann in der Gruppe aus. Man würde allerdings auch nicht bloß aufgrund dieser zuletzt genannten Tatsache von einem Patriarchat bei den Nayar sprechen wollen, denn die Kontrolle, die dieser älteste Mann ausübt, ist keineswegs umfassend und erfolgt nicht in despotischer Weise; vielmehr kann er angemessen als “Manager” des Besitzes der Gruppe bezeichnet werden (Radcliffe-Brown 1965[1952]: 36/37).



Matrilineare Abstammungslinie: Dreieck = männlich, Kreis = weiblich

Dies illustriert, dass es bei der Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse wichtig ist, zwischen der gelebten Realität in verschiedenen Lebensbereichen und zwischen der gelebten Realität und den verwendeten Bezeichnungen oder Nomenklaturen zu ihrer Beschreibung zu unterscheiden. Dementsprechend sind erhebliche Zweifel daran angebracht, dass Matrilinearität oder eine klassifikatorische Verwandtschaftsterminologie ein Überbleibsel eines ehemals existierenden Matriarchats sein müssten oder – umgekehrt – Patrilinearität immer ein Patriarchat anzeigen müsse, und damit daran, dass Morgan und Engels mit ihrer These von einem ursprünglichen Matriarchat Recht haben. Es bedeutet auch, dass die Begriffe “Matriarchat” und “Patriarchat” als zusammenfassende Bezeichnungen für Konglomerate von Abstammungs- und Erbfolgen, Wohnortsregelungen und Machtverhältnissen unangemessen sind; sie verallgemeinern die beobachtbare Realität in unangemessener Weise, indem sie von einem einzigen Elemente der Realität (wie z.B. Verwandtschaftsbezeichnungen) auf die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse schlussfolgern. Mit dem Grad, in dem diese Begriffe pauschalisieren, wird ihr Informationsgehalt aber ärmer (Zimmer 1986: 19), und soweit die Zusammenhänge der Elemente, die gemeinsam ein Patriarchat oder Matriarchat ausmachen sollen, genauer betrachtet werden, erweisen sie sich regelmäßig als schwach, teilweise als nicht vorhanden, aber niemals als zwingend.

Die pauschalisierenden Begriffe “Patriarchat” und “Matriarchat” werden daher der empirisch beobachtbaren Realität nicht gerecht, und deshalb werden diese Begriffe in der Ethnologie seit mehreren Dekaden so gut wie nicht mehr benutzt,FN7 auch nicht in der feministischen Anthropologie (Uberoi 2003: 90), denn selbst dann, wenn man den Glauben an eine systematische Unterdrückung von Frauen durch Männer nicht aufgeben möchte, gilt: “… the concept of patriarchy posits the unversality of women’s subordination in a way that tends to mask the specificities of different social formations, cultures, and stages in the individual life cycle” (Uberoi 2003: 91/92).

Fussnoten

FN1 Um nur einige Beispiele aus der großen Zahl von Sudien zu diesem Thema zu geben, seien genannt: Adams 1997; Haley & Wilcoxon 1997; Hanson 1989; Hobsbawm & Ranger 2012; Linnekin 1983.

FN2 Bachofen gilt der Mythos als “getreue[r] Ausdruck des Lebensgesetzes jener Zeiten, in welchen die geschichtliche Entwicklung der alten Welt ihre Grundlagen hat, als die Manifestation der ursprünglichen Denkweise, als unmittelbare historische Offenbarung, folglich als wahre, durch hohe Zuverlässigkeit ausgezeichnete Geschichtsquelle” (Bachofen 1975[…1861]: 5). Zur Kritik dieser Auffassung bzw. zu einer alternativen und den historischen Tatsachen, soweit bekannt, angemesseneren Interpretation einiger der von Bachofen zur Stützung seiner Mutterrechtstheorie angeführten Mythen s. Wesel 1980: 54-65.

FN3 Dies lässt sich auch empirisch belegen. So berichtet z.B. Gemünden von seiner Studie: “Diese Ergebnisse zeigen, dass die Rolle des Hilfsbedürftigen und [die] Rolle des Opfers für Frauen sozial anerkannt ist. Umgekehrt bestätigen sie die Annahme, dass es für Männer schwerer ist, Hilfe von Freunden oder Verwandten zu erhalten …. Die Misshandlung von Frauen wird als schwerwiegender eingestuft als Gewalt an Männern, und Frauen nehmen tatsächlich häufiger Hilfe von Freunden in Anspruch; hinzu kommt, dass Frauen üblicherweise eine höhere soziale Kompetenz als Männern zugesprochen wird und angenommen wird, dass Frauen besser über ihre Probleme sprechen können” (Gemünden 1996: 261).

FN4Einer der wenigen Punkte, in denen sich Engels von Morgan unterscheidet, ist Engels großes Interesse an der Rolle der Sexualität mit Bezug auf die gesellschaftliche Organisation bzw. den postulierten Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat und seine Auffassung von Männern als stark von sexueller Lust angetrieben und von Frauen als sexuell passiv oder Opfer der männlichen sexuellen Lust. Morgan geht im Unterschied zu Engels nicht davon aus, dass Frauen im Zuge der Promiskuität der Menschen im Zustand der Wildheit sexuellen Übergriffen von Männern ausgesetzt gewesen seien, sondern “either equal to, or dominant over, men, and … in control of sexual relations, descent, and property” (Fedigan 1986: 30) gewesen seien.

FN5 Das heißt, die Tochter der Schwester meines Vaters (also meiner Tante väterlicherseits) und die Tochter des Bruders meiner Mutter (also meines Onkels mütterlicherseits), meine so genannten Kreuzcousinen, werden von mir mit demselben Terminus bezeichnet. Die Tochter der Schwester meiner Mutter (d.h. meiner Tante mütterlicherseits) und die Tochter des Bruders meines Vaters (meines Onkels väterlicherseits) – sie sind meine Parallelcousinen – bezeichne ich ebenfalls mit demselben Terminus, der aber ein anderer ist als derjenige, den ich für meine Kreuzcousinen verwende (vgl. Panoff & Perrin 1982: 173 und 235).

FN6 Beispielsweise zitiert Mann aus einem Bericht, den Charlevoix im Jahr 1761 über die Pflege von Säuglingen bei den Irokesen gegeben hat, wie folgt: “The care which the mothers take of their children while they are still in the cradle is beyond all expression. … They never leave them, they carry them everywhere about with them” (Mann 2004: 271). Und Shafer berichtet: “Children were greatly loved, …. But each family had only the number of children which could care for adequately, seldom more than three …” (Shafer 1990: 75).

FN7 Und zwar seit der Mitte der 1960er-Jahre, um genau zu sein, denn in dieser Zeit unterzog der britische Sozialanthropologe Radcliffe-Brown die Argumentation Morgans und anderer Argumentationen für ein Matriarchat oder angebliche Überbleibsel hiervon in einfachen Gesellschaften einer Kritik (in Radcliffe-Brown 1965[1952]). “Radcliffe-Brown … noted that the terms patriarchal and matriarchal were too vague to be scientifically useful, and he operationalized these terms so that he could scrutinize them empirically. Radcliffe-Brown did not redefine the terms to save (or necessarily destroy) them. Then, using, cross-cultural, empirical accounts, Radcliffe-Brown demonstrated that no society conforms to a patriarchy or a matriarchy” (Kuznar 2008: 42/43).

3. Das Patriarchat als gesellschaftliche Organisationsform   postindustrieller, moderner Staaten oder der Weltbevölkerung insgesamt

 

Die Auffassung, dass derzeit ein Patriarchat in mehr oder weniger allen Gesellschaften der Erde herrsche oder “zählebige [patriarchalische] Grundstrukturen” (Klenner 2002) (nahezu) überall auf der Welt, auch in postindustriellen, modernen Gesellschaften, Frauen systematisch benachteiligten, ist die Basis des Staatsfeminismus, wie er nicht nur von einzelnen Staatsregierungen, insbesondere in der westlichen Welt, seit den 1960er-Jahren institutionalisiert worden ist, sondern als leitende sozialpolitische Idee auch in internationalen Organisationen (wie z.B. der EU) etabliert ist.[1] Ein Nachweis darüber, dass diese Auffassung in der Realität zutrifft, erfolgt im Rahmen des Staatsfeminismus nicht. Anscheinend wird aus der Tatsache, dass Frauenpolitik weltweit in staatlichen Organisationen verankert ist, geschlossen, dass sie notwendig sein müsse, und von dieser Notwendigkeit wiederum wird auf die Existenz umfassender patriarchalischer Strukturen geschlossen. Deren Behauptung soll Fördermaßnahmen für Frauen begründen wie z.B. die Einrichtung von Positionen für Frauenbeauftragte in öffentlichen Verwaltungen und an Hochschulen und eine Vielzahl von Mentoring- und Coachingprogrammen für Frauen.

 

Der Staatsfeminismus erschöpft sich jedoch nicht in der Unterstützung oder Förderung von Frauen, die einen Unterstützungs- oder Förderbedarf im Rahmen gegebener Verhältnisse haben bzw. Unterstützung oder Förderung explizit nachfragen, sondern er fasst Frauen als mehr oder weniger homogene Gruppe auf und unterstellt ihnen ein gemeinsames Interesse, wie es z.B. in Quotenregelungen zum Ausdruck kommen soll. Und er strebt einen Umbau der Gesellschaft an: die gesellschaftlichen Verhältnisse sollen so reguliert und gesteuert werden, dass die Vorstellung, die die für den Staatsfeminismus Verantwortlichen von Gleichstellung (und nicht von Gleichberechtigung) haben, verwirklicht ist.[2]

Kritik:

 

Wenn von der Verankerung von Frauenpolitik in staatlichen Organisationen auf ihre Notwendigkeit oder auch nur Erwünschtheit durch die Bevölkerung (und insbesondere die weibliche Bevölkerung) geschlossen wird, und hieraus wiederum geschlossen wird, dass patriarchalische Strukturen vorliegen müssen, und schließlich weiter geschlossen wird, dass (mehr) Fördermaßnahmen für Frauen notwendig wären, weswegen die Verankerung von Frauenpolitik notwendig war und weiterhin notwendig ist, dann handelt es sich um einen Zirkelschluss bzw. eine Tautologie, also um eine logisch nicht akzeptable Begründung. Ein alternativer Nachweis patriarchalischer Strukturen wird im Rahmen des Staatsfeminismus aber nicht geführt.

Wenn man diejenigen Indikatoren heranzieht, die normalerweise herangezogen wurden, wenn man ein Patriarchat oder Matriarchat identifizieren wollte, insbesondere Abstammungs- und Erbfolgeregeln sowie rechtliche Ungleichstellung von Frauen und Männern, dann lässt sich festhalten, dass heute in weiten Teilen der Erde und jedenfalls in der westlichen Welt von einem Patriarchat oder patriarchalischen Strukturen keine Rede sein kann: Sowohl die väterliche als auch die mütterliche Abstammungslinie werden anerkannt, Menschen erben sowohl von ihren Müttern als auch von ihren Vätern, und Männer und Frauen sind rechtlich gleichgestellt und werden in der Regel auch so behandelt. Es gibt keine Hindernisse für Frauen mit Bezug auf ihre Bildung oder die Ausübung einer Erwerbstätigkeit, und ein großer Teil von Frauen ist erwerbstätig. Der Lohn aus ihrer Erwerbstätigkeit ist ihr Eigentum, das ihnen eine unabhängige und selbstbestimmte Lebensführung erlaubt. Ab 18 Jahren sind Frauen ebenso wie Männer volljährig, vertragsfähig und rechtlich von ihren Eltern unabhängig. Bei Eheschließung geht das Eigentum einer Frau nicht in den Besitz des Mannes über, sie hat ebenso wie der Mann das Recht, sich scheiden zu lassen, und sie hat eine Vielzahl von Rechtsansprüchen gegenüber ihrem Mann und dem Steuerzahler im Fall der Scheidung und im Hinblick auf die Aufzucht von Kindern. Frauen, die nie oder nur für kurze Zeit vollzeit oder überhaupt nie erwerbstätig waren, hatten und haben Ansprüche auf die Renten, die sich ihre Ehemänner durch Erwerbstätigkeit erworben haben, und außerdem werden auch Ausbildungs- und Erziehungszeiten mit Bezug auf Rentenansprüche anerkannt.

Es verwundert daher nicht, dass der Staatsfeminismus sich schwer tut, in der westlichen Welt und den meisten nicht-westlichen Staaten Elemente dessen festzustellen, was als Teil patriarchalischer Strukturen gelten könnte. Er hat sich dementsprechend darauf zurückgezogen, die Wirkung aktueller oder vergangener patriarchalischer Strukturen überall dort zu behaupten, wo ein gesellschaftliches Gut nicht zu mindestens fünfzig Prozent auf Frauen entfällt, und konsequenterweise ist das wichtigste Schlagwort des Staatsfeminismus im öffentlichen Diskurs auch nicht mehr das “Patriarchat”, sondern die “Geschlechtergleichstellung” bzw. die Ergebnisgleichheit für die Geschlechter. Es geht nicht mehr um die Beseitigung von Herrschaft von Männern über Frauen, sondern um “den Abbau noch bestehender sozialer

  

Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen” (Klenner 2002).[3]  Die Rede von “patriarchalischen Strukturen” dient in diesem Zusammenhang dazu, jede ungleiche Verteilung eines Gutes auf die Geschlechter als illegitim und daher veränderungswürdig zu kennzeichnen – ungeachtet der Frage, ob diese Verteilung ein Ergebnis von Benachteiligungen oder von freien Willensentscheidungen von Männern und Frauen sind.[4] Sie dient aber auch dazu, andere Verteilungsprinzipien als das Gleichheitsprinzip zu diskreditieren, denn um Gleichheit herzustellen, müssen Gerechtigkeitsprinzipien, nach denen bislang Verteilungen vorgenommen wurden, z.B. das Prinzip der Leistung, außer Kraft gesetzt werden. Und weil diese Prinzipien rational begründet sind und individuelle Gerechtigkeit (statt Gruppengleichheit) schaffen, werden sie als Ausdruck männlicher Rationalität und männlichen Individualismus bezeichnet, die weiblicher Irrationalität – in der feministischen Literatur spricht man allerdings lieber von Sinnlichkeit oder Einfühlungsvermögen[5] – und weiblichem Kollektivismus entgegenstehen.[6] Und dies verweist zurück auf Engels und seinen Traum von der Rückkehr in den Urkommunismus, der frei ist von angeblich männlicher “platte[r] Habgier” und der Orientierung am “lumpigen Individuum” (Engels 1984[1884]: 204), so dass das “Patriarchat” zur Bezeichnung bestimmter realer Verhältnisse zwar untauglich ist, aber als Denkfigur im Rahmen bestimmter Weltanschauungen und im Kampf um Ressourcen heute wie damals von ungebrochener Aktualität und politischer Relevanz ist.


Fussnoten:

[1] Im ersten Band der “Routledge International Encyclopedia of Women” wird Staatsfeminismus oder “state feminism” wie folgt definiert: “… state feminism refers to mobilization within and through formal government organizations charged with attending to women’s interests, such as the Women’s Bureau of the U.S. Department of Labor …. State feminism includes mobilization within international quasi-governmental organizations such as the United Nations and the European Union” (Routledge International Encyclopedia of Women 2000: 10/11).

[2] Eine solche Feststellung mag das ein oder andere Gemüt erregen. Dabei kann dies bereits durch die Durchsicht eines einzigen, beliebigen Dokumentes des Staatsfeminismus gezeigt werden. Und weil auch diese Feststellung voraussichtlich das ein oder andere Gemüt erregen wird, folgt hier der – notwendigerweise etwas längere – Nachweis, und zwar anhand des ersten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend 2011):

Bereits im Titel des Berichtes wird versucht, Chancengleichheit und Gleichstellung in eins zu setzen. er lautet: “Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Erster Gleichstellungsbericht”. Eine solche In-Eins-Setzung ist aber logisch unmöglich, denn gleiche Chancen sind nur wichtig im Rahmen von Verteilungen, die nach einem Gerechtigkeitsprinzip vorgenommen werden sollen. Z.B. muss jeder dieselbe Chance auf Bildung haben, wenn mehr oder weniger angenehme und lohnende Arbeitsplätze nach dem meritokratischen Prinzip in Bezug auf das, was man im Bereich der eigenen Bildung geleistet hat, verteilt werden sollen. Wenn dagegen alle Personen unabhängig davon, was sie in Sachen Bildung geleistet haben, Arbeitsplätze erhalten sollen oder alle Arbeitsplätze mit derselben Lohnzahlung verbunden werden, also alle im Ergebnis gleich gestellt (nicht: im Verlauf eines Entscheidungs- oder Verteilungsprozesses gleichermaßen nach bestimmten Kriterien behandelt!) werden sollen, dann ist das Konzept der Chancengleichheit völlig überflüssig. Wenn beschlossen ist, dass 100 Euro unter 10 Personen gleich verteilt werden sollen – die Personen sollen bei der Auszahlung also gleichgestellt werden –, dann ist die Chance per definitionem für jeden gleich. Oder besser: Von Chancen zu reden, macht überhaupt keine Sinn mehr, denn zur In-Empfangnahme einer vorher festgelegten (gleichen) Auszahlung für jede/n ist keinerlei “Chance” auf irgendetwas mehr notwendig.



Man lese vor diesem Hintergrund im Bericht weiter, z.B. auf Seite 10, wo es heißt: “Eine zeitgemäße Gleichstellungspolitik zielt auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit für Frauen und Männer. Sie will es Frauen und Männern ermöglichen, sich von starren Rollenmustern zu lösen, und ihre Rolle selbst zu definieren. Die Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer der Bundesregierung will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Jungen und Männer ihre Rolle neu finden müssen[!]. Während Frauen über Jahrzehnte der Frauenbewegung und der institutionalisierten Frauenpolitik für sich neue Rollenbilder entwickelt haben, Erwerbstätigkeit und Kinder nicht mehr als Gegensätze gelten, gibt es für viele Männer eine Diskrepanz zwischen der Geschlechterrolle, die ihre Väter gelebt haben, zwischen gesellschaftlichen Zuschreibungen wie der des Familienernährers und eigenen Rollenvorstellungen. … Die Kenntnis darüber, wie Jungen leben und wie sie leben wollen, soll Hilfestellungen geben, um durch geeignete politische Maßnahmen den Prozess des Rollenwandels zu unterstützen” (Hervorhebungen d.d.A.). Hier wird versucht, Gleichstellung mit Gleichberechtigung in einen oberflächlichen Einklang zu bringen, indem Gleichberechtigung und Chancengleichheit verbal Rechnung getragen wird. Es wird aber unmissverständlich klar gemacht wird, dass im Interesse von Gleichstellung Jungen und Männern eben kein Recht eingeräumt wird, ihre Geschlechterrollen nicht verändern zu wollen oder eine Männerrolle für sich zu wählen, die “ihre Väter gelebt haben” (welche auch immer das sein mag), denn sie “müssen” [!] ihre Rolle neu finden – ob sie wollen oder nicht. Dementsprechend dient die Kenntnis darüber, wie Jungen leben wollen, auch nur dazu, politische Maßnahmen zu ihrer Umerziehung anzuleiten, denn wie Jungen leben wollen, ist im Zuge der Gleichstellungspolitik kein Umstand, der schlicht akzeptiert und respektiert werden müsste. Wenn eine Gleichverteilung im Ergebnis (man spricht in der Literatur normalerweise von Verteilungsgleichheit, eben im Gegensatz zu Chancengleichheit, s.o.) mit Bezug z.B. auf Erwerbsarbeit und Kinderaufzucht erreicht werden soll, dann kann man ja gerade keine Rücksicht auf die individuellen Wünsche von Männern und Frauen nehmen, denn wenn man das tut, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die resultierende Verteilung ungleich ausfallen wird.

An einer anderen Stelle, auf Seite 46, wird darauf hingewiesen, dass in “anderen für Beschäftigung und Karrieren zuständigen Systemen [...] Effizienzkriterien [dominieren]“, in denen “nur mühsam vermittelbar [sei], dass Gleichstellung etwa auch in der Forschung oder in Entscheidungsgremien der Wirtschaft kein Gegensatz zu Effizienz und Innovationsfähigkeit ist, sondern innovative Gesellschaften sich durch die Ausschöpfung aller Begabungspotenziale auszeichnen”. Hier wird – implizit – angesprochen, dass Effizienzkriterien Gerechtigkeitskriterien zugrunde liegen, dass es also z.B. effizient ist, diejenigen Personen einzustellen, die nach meritokratischen Kriterien diejenigen sind, die am besten für die Position geeignet sind. Gerechtigkeitskriterien sind aber notwendigerweise individualbezogen und stehen (schon) deshalb im Gegensatz zur Vorstellung, Gleichverteilungen für Gruppen erreichen zu wollen. Im Bericht wird der Gegensatz offensichtlich gesehen, und es wird versucht, diesen Gegensatz “aufzulösen”, indem behauptet wird, dass diejenigen, die z.B. aufgrund von Quoten die Positionen besetzen, die in Abwesenheit von Quoten durch diejenigen besetzt worden wären, die für die Position am besten geeignet wären, nicht nur (bislang anscheinend unentdeckte) Begabungspotenziale darstellen würden, sondern diese Begabungen in der Realität vorhanden wären oder mit der Zeit entwickelt würden, dass sich also Potenziale irgendwie und irgendwann in Realität transformieren würden. Idealerweise würden sich in allen quotierten oder quotierbaren Bevölkerungsgruppen gleiche Verteilungen von Begabungen oder Interessen zeigen, aber die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gering, denn selbst dann, wenn in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gleich viele und gleichermaßen Begabte zu finden wären, so würden sie einander hinsichtlich ihrer Präferenzen kaum so entsprechen, dass sich am Ende eine Gleichverteilung nach Geschlecht ergäbe. Kurz: Solange es Individuen gibt, wird man mit Verteilungs- bzw. Ergebnisungleichheit rechnen müssen, aber Verteilungsgerechtigkeit herstellen können. Im Kollektivismus wird man Verteilungs- oder Ergebnisgleichheit vorgeben können, damit aber auf jede Form von Verteilungsgerechtigkeit verzichten. Im Kollektivismus wird die Gerechtigkeit für das “lumpige Individuum” (um mit Engels zu sprechen) der Gleichheit für als homogen und real existierend vorgestellte Gruppen geopfert.

Bereits die zitierten Stellen aus einem einzigen Dokument des Staatsfeminismus lassen also erkennen, dass sich dessen Vertreter klar darüber sind, dass sie einen Umbau der Gesellschaft in Richtung Kollektivismus und Ergebnisgleichheit (und weg von Individualismus und Verteilungsgerechtigkeit) anstreben, der auf einigen Widerstand trifft, und dass es notwendig sein wird, die bisher wirksamen Werte, Normen, Standards und Verfahrensweisen zu diskreditieren (wie bestimmte Auffassungen von Männlichkeit) oder zu vereinnahmen (wie Gerechtigkeitsprinzipien und Effizienzkriterien), um diesen Umbau zu erreichen.

[3] Was die Einschätzung der zitierten Autorin zur Geschlechtergleichheit betrifft, so ist sie zunächst der Auffassung: “Von Geschlechtergleichheit kann in Deutschland derzeit nicht die Rede sein”, besinnt sich aber im folgenden Absatz darauf, dass “[d]ie Situation [...] widersprüchlich [sei]. Einerseits gibt es Veränderungen in Richtung von mehr Egalität zwischen den Geschlechtern. … Auf der anderen Seite sind die Fakten ebenso wenig bestreitbar, die eine erhebliche Schlechterstellung von Frauen belegen: Erwerbsbeteiligung, Erwerbsmuster und -verläufe unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern nach wie vor beträchtlich. Bei den Erwerbseinkommen haben sich die Relationen nur unwesentlich verbessert. In Führungspositionen dringen Frauen trotz der Qualifikationsgewinne erheblich seltener vor. Der größte Teil der Haus- und Familienarbeit wird weiterhin von Frauen erbracht, und ihr Arbeitslosigkeits- und Verarmungsrisiko ist größer als das von Männern. Die Partizipation von Frauen im politischen Bereich ist keineswegs paritätisch” (Klenner 2002).

Diese Argumentation ist natürlich eine willkürliche: Die “Schlechterstellung” von Frauen darin besteht, dass bestimmte Güter oder Risiken zu unterschiedlichen Anteilen auf Frauen und Männer verteilt sind. Selbstverständlich ließe sich ebenso gut eine Reihe von Fällen anfügen, in denen ein geringerer Anteil gesellschaftlich hochgeschätzter Güter auf Männer als auf Frauen entfällt (z.B. die Lebenserwartung) oder Männer deutlich größere Risiken haben als Frauen (wie z.B. das Unfallrisiko, die Selbstmordrate oder die Beschäftigung in gefährlichen oder bekanntermaßen gesundheitsgefährdenden Berufen). Wollte man dem Beispiel von Klenners Argumentation folgen, müsste man daher eine Schlechterstellung von Männern gegenüber Frauen in der Gesellschaft und damit einen Mangel an Geschlechtergleichheit zuungunsten von Männern konstatieren und deshalb für eine bessere Männerpolitik oder gar Staatsmaskulismus eintreten.

[4] Freie Willensentscheidungen, die zu unterschiedlichen Verteilungen von Gütern auf Männer und auf Frauen führen, müssen im Rahmen des Staatsfeminismus als Ergebnisse falschen Bewusstseins im Sinne von Marx interpretiert werden. Ungeachtet der Frage, wie es zu unterschiedlichen Verteilungen von Gütern auf Frauen und Männer kommt, muss man sich mit Karin Gottschall fragen, ob “[a]ngesichts zunehmender sozialer Differenzierungen unter Frauen… Geschlechtszugehörigkeit als ein dauerhafter und alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen prägender sozialer Platzanweiser noch angemessen ist” (Gottschall 2000: 15/16).

[5] So liest man z.B. in Ursula Meyers “Einführung in die feministische Philosophie” die folgenden Sätze: “Die feministische Vernunftkritik weist nach, dass das rationale Subjekt, das auch in der modernen Philosophie als Grundprinzip der Erkenntnis und der Moral gilt, in Abgrenzung zur Natur und Sinnlichkeit und damit zur Weiblichkeit definiert wird. … Aus dieser Situation resultieren auch die Schwierigkeiten von Frauen mit der patriarchal geprägten Vernunft” (Meyers 2004: 33; Hervorhebung d.d.A.). Man kann sich vorstellen, was Vertreterinnen der frühen Frauenbewegung, die sie als emanzipatorische Bewegung verstanden, oder deren Vorläuferinnen dazu gesagt hätten, dass man ihnen einhundert oder gar zweihundert Jahre später von feministischer Seite “Schwierigkeiten mit der [als Rationalität gefassten] … Vernunft” attestiert. Vgl. hierzu Wollstonecraft 1796: u.a. 62, 122, 210).

[6] Der Feminismus ist in großen Teilen geprägt von Rationalitäts- und Individuen- sowie Wissenschaftsfeindlichkeit, wobei offenbar davon ausgegangen wird, dass man, nur, weil man weiblichen oder männlichen Geschlechts ist, unterschiedlich empfinde, denke und funktioniere, also von einer Wesensdifferenz von Männern und Frauen auszugehen scheint, was wiederum den Feminismus in weiten Teilen als essentialistische Ideologie ausweist. Einige Beispiele hierfür sind: Konnertz 1991; Krüll 1990; Ostner & Lichtblau 1992; Schaeffer-Hegel & Watson-Franke 1989; Schwickert 2000.

Literatur

Abelung, Johann Christoph, 1777: Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wöterbuches der hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. Dritter Theil, von L-Scha. Leipzig: Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf.

Adams, Kathleen M., 1997: Ethnic Tourism and the Renegotiation of Tradition in Tana Toraja (Sulawesi, Indonesia). Ethnology 36, 4: 309-320.

Bachofen, Johann Jakob, 1975[1861]: Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Eine Auswahl herausgegeben von Hans-Jürgen Heinrichs. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bebel, August, 1974[1879]: Die Frau und der Sozialismus. Als Beitrag zur Emanzipation unserer Gesellschaft, bearbeitet und kommentiert von Monika Seifert. Stuttgart: Dietz.
Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Erster Gleichstellungsbericht. Berlin: Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, 2011;
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Erster-Gleichstellungsbericht-Neue-Wege-Gleiche-Chancen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
Burkart, Günter, 2008: Familiensoziologie. Konstanz: UVK.

Coerver, Don M., Pasztor, Susanne B. & Buffington, Robert, 2004: Mexico: An Encyclopedia of Contemporary Culture and History. Santa Barbara: ABC-CLIO, 199-203.

Eller, Cynthia, 2011: Gentlemen and Amazons. The Myth of Matriarchal Prehistory, 1861-1900. Berkeley: University of California Press.

Engels, Friedrich, 1984[1884]: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgans Forschungen. Berlin: Dietz Verlag.

Fedigan, Linda Marie, 1986: The Changing Role of Women in Models of Human Evolution. Annual Review of Anthropology,15: 26-66.

Gemünden, Jürgen, 1996: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Intimpartnerschaften. Ein Vergleich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auf der Basis einer kritischen Auswertung empirischer Untersuchungen. Marburg: Tectum.

Gottschall, Karin, 2000: Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Kontinuitäten und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs. Opladen: Leske+Budrich.

Haley, Brian D. & Wilcoxon, Larry R., 1997: Anthropology and the Making of Chumah Tradition. Current Anthropology 38, 5: 761-794.

Hanson, Allan, 1989: The Making of the Maori. Culture Invention and its Logic. American Anthropologist 91, 4: 890-902.

Harris, Marvin, 1989: Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch. Frankfurt/M.: Campus.

Bernhard, J. Gary, 1988: Primates in the Classroom. An Evolutionary Perspective on Children’s Education. Amherst: The University of Massachusetts Press.

Hillmann, Karl-Heinz, 1994: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Alfred Kröner.

Hobsbawm, Eric & Ranger, Terence (Hrsg.), 2012: The Invention of Tradition. Cambridge: Cambridge University Press.

Klenner, Christina, 2002: Geschlechtergleichheit in Deutschland? Aus Politik und Zeitgeschichte B33-34/2002.
http://www.bpb.de/apuz/26768/geschlechtergleichheit-in-deutschland?p=all

Konnertz, Ursula (Hrsg.), 1991: Grenzen der Moral. Ansätze feministischer Vernunftkritik. Tübingen: edition diskord.

Krüll, Marianne, 1990: Wege aus der männlichen Wissenschaft. Perspektiven feministischer Erkenntnistheorie. Pfaffenweiler: Centaurus.

Kuznar, Lawrence A., 2008: Reclaiming a Scientific Anthropology. Lanham: Altamira Press.

Linnekin, Jocelyn S., 1983: Defining Tradition: Variations on the Hawaiian Identity. American Ethnologist 11, 2: 241-252.

Mann, Barbara Alice, 2004: Iroquoian Women. The Gantowisas. New York: Lang.

Meyers, Ursula I., 2004: Einführung in die feministische Philosophie. Aachen: ein-FACH-verlag.

Mies, Maria, 1998: Patriarchy & Accumulation on a World Scale. Women in the International

Division of Labour. London: Zed Books.

Morgan, Lewis Henry, 1878: Ancient Society or Researches in the Lines of Human Progress from

Savagery through Barbarism to Civilization. New York: Henry Holt & Co.

Nauck, Bernhard, 1985: ‘Heimliches Matriarchat’ in Familien türkischer Arbeitsmigranten?

Empirische Ergebnisse zu Veränderungen der Entscheidungsmacht und Aufgabenallokation. Zeitschrift für Soziologie 14,6: 450-465.

Ostner, Ilona & Lichtblau, Klaus (Hrsg.), 1992: Feministische Vernunftkritik. Ansätze und Traditionen. Frankfurt/M.: Campus.

Panoff, Michel & Perrin, Michel, 1992: Taschen-Wörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung. Berlin: Dietrich Reimer.

Radcliffe-Brown, Alfred R., 1965[1952]: Structure and Function in Primitive Society. Essays and Addresses. With a Foreword by E. E. Evans-Pritchard and Fred Eggan. New York: The Free Press.

Routledge International Encyclopedia of Women. Global Women’s Issues and Knowledge. Volume 1: Ability to Education: Globalization. New York: Routledge, 2000.

Schaeffer-Hegel, Barbara & Watson-Franke, Maria-Barbara (Hrsg.), 1989: Männer Mythos Wissenschaft. Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik. Pfaffenweiler: Centaurus.

Schwickert, Eva-Maria, 2000: Feminismus und Gerechtigkeit. Über eine Ethik von Verantwortund und Diskurs. Berlin: Akademie Verlag.

Shafer, Ann Eastlack, 1990: “The Status of Iroquois Women”. In: Spittal, Wm. Guy (Hrsg.): Iroquois Women. An Anthology. Ohsweken: Iroqrafts, 71-135.

Srivastava, A. R. N., 2005: Essentials of Cultural Anthropology. New Delhi: Prentice Hall of India.

Sutton, David Evan, 2000: Memories Cast in Stone. The Relevance of the Past in Everyday Life. Oxford: Berg, 102-105.

Uberoi, Patricia, 2003: Problems with Patriarchy: Conceputal Issues in Anthropology and Feminism. In: Rege, Sharmila (Hrsg.): Sociology of Gender. The Challenge of Feminist Sociological

Knowledge. New Delhi: Sage Publications India, 88-125.
Walby, Sylvia, 1989: Theorising Patriarchy. Sociology 23, 2: 213-234.

Wollstonecraft, Mary, 1796: A Vindication of the Rights of Woman. With Strictures on Political and Moral Subjects. London: Joseph Johnson.

Womack, Mari, 1998: Being Human. An Introduction to Cultural Anthropology. Upper Saddle River: Prentice Hall.

Zimmer, Jürgen, 1986: Die vermauerte Kindheit. Bemerkungen zum Verhältnis von Verschulung und Entschulung. Weinheim: Beltz.

Sonntag, 10. Juni 2012

George Reisman: Warum es mittelfristig keine Lohndiskriminierung im Kapitalismus geben kann

Die Lohndiskriminierungslüge rund um den "Gender Pay Gap" zwischen Mann und Frau ist eines der Standardwerkzeuge der feministischen Propaganda, um die öffentliche Empörung zu Gunsten von mehr weiblichen Privilegien zu geringen Kosten umzumünzen. Nun wurde dieses Lügenmärchen von Antifeministen, Maskulisten und Männerrechtlern schon intensiv mit Fakten, Studien und rein logischen Überlegungen widerlegt

Diese Gegenargumente zeigten Wirkung - so anerkennen viele Feministen, dass ein Grossteil des Gender Pay Gaps durch eigenes Verschulden der Frauen zustande kommt, doch sie behaupten nachwievor, dass der Rest durch Diskriminierung entstände, wie dies neuerdings der profeministische Männeraktivist Markus Theunert in seinem Brief an Alice Schwarzer tat - obwohl auch dies offiziell widerlegt wurde.

Vielfach wird von unserer Seite gegen eine behauptete Lohndiskriminierung argumentiert, indem angeführt wird, dass niemand in der Wirtschaft mehr Männer einstellen würde, welche die gleiche Leistung wie Frauen erbringen, dafür aber 23 % mehr Lohn kosten. Denn gerade die Löhne sind in westlichen Ländern einer der grössten Kostenpunkte in der Wirtschaft, so dass Einsparungen bei Firmen, welche nur Frauen einstellen würden, von mehr als ein Fünftel ohne Leistungsverlust ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil gegenüber der "frauenfeindlichen" Konkurrenz darstellen würde. 

George Reisman liefert in seinem Buch "Capitalism" die genau gleiche Argumentation, wenn er erklären will, wieso mittelfristig im Kapitalismus zwangsläufig gleicher Lohn für gleiche Leistung gezahlt wird. Er tut dies, weil in den USA im Prinzip die gleiche Problematik herrscht, wie bei uns mit den Feministen - die dortigen Linken argumentieren analog, dass Schwarze in der Wirtschaft beim Lohn diskriminiert werden würden. Dass dem nicht so sein kann im Kapitalismus, führt Reisman gekonnt und auf ähnliche Weise wie vorher hier geschildert, aus. Allerdings versteht er als Meister seines Faches, dieses Argument wesentlich besser und anschaulicher zu präsentieren, als jeder von uns es bisher konnte.

In Folge dessen werde ich nun hier seine Kritik an der Lohndiskriminierungslüge in voller Länge zitieren (aus "Capitalism", S. 196 bis 199, hier online gratis und ohne Anmeldung nachlesbar). 

Zunächst stellt Reisman die These auf, dass Lohndiskriminierung bei Randgruppen und Minderheiten im Kapitalismus nur dann existiere, wenn diese vom Staat aktiv propagiert oder geduldet werde, weil ein freier Markt automatisch danach strebt, gleiche Löhne für gleiche Leistung zu zahlen: 

"Equal Pay for Equal Work: Capitalism Versus Racism

The uniformity-of-wages principle [= "In a free market there is a tendency toward an equalization of wage rates for workers of the same degree of ability"] must be understood as implying the existence of a powerful tendency under capitalism toward equal pay for equal work. Despite the prevailing belief that capitalism arbitrarily discriminates against such groups as blacks and women, the fact is that the profit motive of employers operates to eradicate all differences in pay not based on differences in performance. Where such differences persist, they are the result of government intervention or private coercion that is sanctioned by the government."

Er erklärt kurz den Mechanismus des uniformity-of-wages principle: 

"Where the profit motive is free to operate, if two kinds of labor are equally productive, and one is less expensive than the other, employers choose the less expensive, because doing so cuts their costs and raises their profits. The effect of choosing the less expensive labor, however, is to raise its wages, since it is now in greater demand; while the effect of passing by the more expensive labor is to reduce its wages, since it is now in lesser demand. This process goes on until the wages of the two kinds of labor are either perfectly equal or the remaining difference is so small as not to be worth caring about by anyone."

Nun geht Reisman dazu über, zu eklären, dass schon kleine, hypothetische Lohnunterschiede bei gleicher Leistung zwischen zwei Gruppen bereits gewaltige, positive Effekte für die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und für den persönlichen Wohlstand des Unternehmers selbst hervorrufen, wenn die jeweils "billigere" Gruppe bevorzugt von ihm eingestellt wird: 

"As illustration of the fact that even very small differences in wage rates could not be maintained under capitalism, consider the following example. Assume that white workers of a certain degree of skill are paid $5 per hour. Assume that black workers of identically the same degree of skill can be hired for just 5 percent less, that is, for just 25¢ an hour less. Assume that a factory must employ 500 workers of this degree of skill. With a 40-hour week, over a 50-week year, this slight difference in hourly wage rates results in a saving of labor cost and a corresponding extra profit per year of $250,000 if the factory owner employs 500 blacks rather than 500 whites (for 25¢ x 500 x 40 x 50 = $250,000).

Even in the case of a small establishment employing only 10 workers, the annual saving in labor cost, and thus the extra profit attaching to the employment of blacks, would be $5,000 (since 25¢ x 10 x 40 x 50 = $5,000)— enough for the owner to afford a new car every other year or to make significant improvements in his business. It is doubtful that there are many employers so bigoted as to be willing to indulge their personal prejudice in favor of whites at a cost of $250,000 per year, or even $5,000 per year. The clear implication is that even slight differences in wage rates would make the employment of blacks in preference to whites virtually irresistible. Not only would a 5 percent differential in wages not be sustainable, but neither would a 2 percent or even a 1 percent differential. Every such differential would lead employers to hire blacks in preference to whites, and would thus bring about a further rise in the wage rates of blacks and a further fall in the wage rates of whites, until a virtually perfect equality was achieved."

Daraus folgert Reisman, dass jedes Vorurteil (oder neudeutsch: "bias") gegenüber bestimmten Gruppen bei der Einstellung in der Privatwirtschaft zwangsläufig "bad business", sprich, unvorteilhaft für den Unternehmer ist:

"Indeed, profit-seeking employers qua profit-seeking employers are simply unconcerned with race [and gender]. Their principle is: of two equally good workers, hire the one who is available for less money; of two workers available for the same money, hire the one who is the  better worker. Race [and gender] is simply irrelevant. Any consideration of race [or gender] means extra cost and less profit; it is bad business in the literal sense of the term."

Doch Reisman belässt es nicht bei dieser bisherigen Ausführung, welche der Argumentation der Männerrechtsbewegung gegenüber der Lohndiskriminierungslüge der Feministen im Wesen nach gleicht. Denn er geht nun dazu über, die Konsequenzen eines Szenarios zu schildern, in denen die Mehrheit der Unternehmer in einem Markt Vorurteile gegenüber Schwarzen (oder Frauen) hätten, diese also nicht beschäftigen wollen, während eine kleine Minderheit von rational denkenden Unternehmern nicht über diese gruppenbezogenen Ausschlusskritierien verfügen. Aus den Ergebnissen dieses Szenarios konkludiert er, dass mit der Zeit die rational denkenden, vorurteilsfreien Unternehmer sich gegenüber den bigotten Unternehmern durchsetzen werden: 

"It should be realized that one of the great merits of capitalism is that by its very nature employers are virtually compelled to be oblivious to race. The freedom of competition under capitalism ensures this result. For even if, initially, the majority of employers were so fanatically bigoted as to be willing to forgo extra profits for the sake of their prejudice, they would be powerless to prevent a minority of more rational employers from earning these extra profits. (“Rationality” in this context means not passing moral judgment against a person on the basis of his racial membership and not allowing such a judgment to outweigh the desire for profit. Such a judgment represents a logical contradiction in that morality pertains only to acts open to choice, while a man’s racial membership is not open to his choice. The irrationality is then compounded by the sacrifice of one’s own objective good—the earning of a profit—for the sake of the irrational judgment). 

Because of their higher profits, the more rational employers would have a relatively greater income out of which to save and expand their businesses than the irrational majority. Moreover, since they operated at lower costs, they could afford to charge lower prices and thus increase their profits still further by taking customers away from the irrational majority. The result of these factors would be that the more rational employers would tend to replace the less rational ones in economic importance. They would come to set the tone of the economy, and their attitudes would be transmitted to all other employers, who would seek to emulate their success. In this way, capitalism virtually guarantees the victory of rationality over racial [and gender-based] bigotry."

Nun begegnet Reisman dem Argument, dass gewisse, nützliche Talente und Fähigkeiten von Randgruppen und Minderheiten im Kapitalismus nicht zum Einsatz kämen. Wir kennen dieses Argument in leicht abgewandelter Form in der feministischen Version, welche behauptet, dass die "sanftere und risikoaversere Art von Frauen zu führen" und die damit zusammenhängenden, höheren Gewinne für Firmen in einem männlich geprägten Umfeld bewusst ferngehalten werden würden (Fakt ist jedoch, dass die Wirtschaft händeringend weibliche Führungskräfte sucht, dass Frauen genauso rücksichtslos, machtgeil und egozentrisch wie Männer führen, sogar wegen mangelnder Erfahrung noch mehr Risiken eingehen und die Gewinne eines Unternehmens bei steigender Frauenquotierung im oberen Fühungssegment signifikant zurück gehen - aber das nur so nebenbei). 

Daraus folgt, dass wenn Angehörige von "unterrepräsentierten" Gruppen tatsächlich überlegene Fähigkeiten aufweisen, diese sich mittelfristig zwangsläufig in der Wirtschaft gegenüber dem gewöhnlichen Arbeiter durchsetzen werden:

"This discussion also provides a rebuttal to the accusation that under capitalism the skills and abilities of groups such as blacks are not utilized. For it follows that the unhampered profit motive leads employers to place the members of all groups in the highest positions for which their skills and abilities qualify them. Consider the following example. Assume that a skilled lathe operator must be paid $15 per hour, and that black workers who have been taught this skill in a trade school are presently employed as janitors at $5 per hour. The black workers would almost certainly be willing to change their jobs for a raise to, say, $10 an hour. Any employer who hired them as lathe operators at $10 per hour would thereby add $5 to his profits for every hour of their work, as compared with employing whites. Over the course of a year composed of 50, 40-hour weeks, his extra profit would amount to $10,000. And this would be on the labor of just one man.

It is obvious that under capitalism, if the skills and abilities of blacks or any one else are being wasted in low-skilled, low-paying jobs, it is to the financial self-interest of employers to change the situation, indeed, to seek out such workers, and in many cases even to incur substantial costs in training them. And it follows that the greater the extent to which a group’s skill or ability is wasted, the greater is the profit to be made by rectifying the situation. For example, if a black with the ability to do the work of a $100,000-a-year company vice president is working as a $20,000-a-year clerk, it is even more to the interest of an employer to seek him out and rectify the situation than in the case of the lathe operator working as a janitor. In this case, the employer could double the black worker’s salary to $40,000, and at the same time add $60,000 to his own profits by employing him in a capacity commensurate with his skill and ability.

Of course, just as in the initial case, the wages and salaries of blacks brought into the more skilled and higher-level jobs would more and more tend to match those of the white workers performing these jobs. Because as employers competed for blacks, their wages would rise, while, in order to be competitive with the black workers, the white workers would have to accept reductions. Indeed, once the first few blacks or members of other groups in a comparable situation are brought into an occupation in which they were previously unrepresented  and succeed in proving their ability by actual satisfactory performance, a dynamic effect ensues. The breaking of the taboo, followed by the visible proof of its lack of rational foundation, changes the way in which such individuals are viewed. The demand for their services then greatly increases. (The history of major league baseball provides an excellent illustration. Once the taboo on the admission of blacks was broken with the employment of the very able Jackie Robinson, all barriers to the admission of blacks soon fell.)

In connection with the fact that free competition with members of so-called minority groups can entail a fall in the wage rates of the average member of the groups already established, most notably, white male workers, it should be realized that any such reductions in wage rates would take place as part of a process operating to raise the real wages—the actual standard of living—of the average member of all groups. For it would be accompanied by reductions in the prices of consumers’ goods greater than any reduction in after-tax money incomes experienced by the average member of the groups already established. This conclusion is conclusively demonstrated in later chapters of this book."

Zu guter Letzt erklärt Reisman, welchen negativen Effekt Gleichstellungspolitik auf den Aufstieg von auf diese Art und Weise privilegierten Gruppen hat, denn würde man nun zum Beispiel zum Lohn der Frauen einfach den "Gender Pay Gap" dazu addieren (wie es die Feministen fordern), dann verlieren Frauen ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber Männern. Sie würden genauso teuer werden, wie Männer, was dazu führen würde, dass sie nicht mehr bevorzugt eingestellt werden (dieses Gegenargument setzt natürlich voraus, dass es tatsächlich so etwas wie eine von Feministen behauptete, echte Lohndiskriminierung gäbe!):

"Ironically, such measures as equal-employment-opportunity laws directly rule out the very possibility of employing blacks or women at lower wages for the same work as whites or men. They thus directly prevent businessmen from finding the employment of blacks or women in the higher positions to be unusually profitable—profitable enough to begin defying traditions and customs based on nothing more than empty stereotypes."

Gesamthaft kann man also sagen: Wären Feministen tatsächlich an der Abschaffung von Diskriminierung interessiert und nicht einfach an kurzsichtiger Privilegierung ihrer weiblichen Klientel auf Kosten von Männern, dann würden sie ihre dümmlichen Gleichstellungsmassnahmen wie Frauenquoten, Ausgleich des "Gender Pay Gaps" ohne vermehrte Eigenleistung und andere Frauenfördermassnahmen abschaffen und stattdessen mehr Kapitalismus fordern. Aber dafür müsste man nicht nur über die eigene Nasenspitze hinaus denken können, sondern auch noch etwas vom Kapitalismus verstehen - was angesichts der weit verbreiteten, politisch linken Einstellung vieler Feministen nahezu hoffnungslos ist.

Freitag, 1. Juni 2012

Guter Artikel über die linke, politisch korrekte Doppelmoral

Die selbstgerechte, linke Doppelmoral war im Rahmen der Breivik-Katatstrophe auch schon Thema auf diesem Blog. Hier folgt nun ein exzellenter Artikel aus der Schweizerzeit, welche genau die gleiche Thematik beleuchtet: 

---

Roter Totalitarismus als Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts
Verharmlosung des roten Massenmords
Von Paul Rothenhäusler und Hans-Ueli Sonderegger


Die jüdisch-amerikanische Historikerin Anne Applebaum wurde während eines Besuchs in Prag von einem seltsamen Phänomen berührt. Auf der Karlsbrücke stiessen angebotene Reliquien der untergegangenen Sowjetherrschaft auf grösstes Kaufinteresse westeuropäischer und amerikanischer Touristen. «Alle wären empört beim Gedanken, ein Hakenkreuz zu tragen. Keiner aber hatte etwas dagegen, sein T-Shirt oder den Hut mit Hammer mit Sichel zu schmücken.»

Die Aussage könnte nicht deutlicher sein: «Während das Symbol des einen Massenmörders uns mit Schrecken erfüllt, bringt uns das Symbol des anderen Massenmörders zum Lachen.» Zum selben Thema gehöre, dass Hollywood Filme über nationalsozialistische Konzentrationslager gedreht habe, nie jedoch einen über Stalins Gulag. Bezeichnend sei auch, dass der deutsche Philosoph Martin Heidegger, der Jahre vor den NS-Greueltaten kurz mit den Nazis liebäugelte, bis heute stigmatisiert bleibt, während seinem französischen Kollegen Sartre die «aggressive Unterstützung des Stalinismus» nicht im geringsten schadete, obwohl dessen Verbrechen jedermann bekannt waren.

Nur deformiert

Applebaum selber nennt zahlreiche Ursachen dieser schiefen Optik, die das Schicksal eines dem vorsätzlichen Hungertod preisgegebenen ukrainischen Kindes nicht auf die selbe Stufe stellen mag, wie den Tod eines jüdischen Kindes in Auschwitz, so der sozialistische französische Ex-Premier Jospin, ein ehemaliger Trotzkist. Und für seinen Gesinnungsgenossen, den ehemaligen Labour-Abgeordneten und heutigen Londoner Bürgermeister Livingston, sind die Nazis das Böse, die Sowjetunion dagegen war nur deformiert.

Einer der Hauptgründe für diese bewusst unterschiedliche Wahrnehmung und Deutung liegt in politisch-ideologischen Affinitäten. Auch hierzulande ist es der politischen Linken gelungen, den Roten Holocaust von der Bühne des Erinnerns zu verdrängen und die Einmaligkeit des Braunen Holocausts in ritueller Beschwörung in der öffentlichen Wahrnehmung zu zementieren. «Das grösste Verbrechen der Menschheit», kann unwidersprochen einer ihrer erfolgreichen Multiplikatoren, der Alt-Achtundsechziger Frank A. Meyer, ex cathedra über den Fernsehäther von DRS verkünden. Zwar werden von der Linken die Massenmorde in der Sowjetunion nicht explizit geleugnet. Doch um ihre ideologische Heimat nicht zu beschmutzen, werden diese vollumfänglich dem Stalinismus, einer Pervertierung des «guten» Kommunismus, angelastet - ein dialektischer Kniff, der heute quer durch alle Medien kolportiert wird. Als ob der Kommunismus nicht in all seinen Spielarten weltweit Ströme von Blut verursacht hätte.

13 Millionen Tote unter Lenin

Dabei ist heute unzweifelhaft, dass der rote Massenmord nicht mit dem abtrünnigen Stalin, sondern dem Verkünder der reinen Lehre, Lenin, begann. Bevor sein Nachfolger die russische Bühne betrat, hatten dreizehn Millionen Menschen das grosse menschheitsbeglückende Experiment des Kommunismus mit ihrem Leben bezahlt. Von Lenin unwidersprochen, fasste dessen Mitstreiter
Sinowjew das Ziel der Sowjetherrschaft lapidar zusammen: «Wir müssen neunzig von hundert Millionen der Bevölkerung in Sowjetrussland auf unsere Seite bringen. Mit dem Rest kann man nicht reden, ihn muss man vernichten.» Zum Terror gehörten die Lager. «Alle Klassenfeinde sollen in Konzentrationslagern isoliert werden», proklamierte die Sowjetregierung schon am 5. September 1918. Als Lenin 1924 starb, hatte seine Revolution mindestens dreizehn Millionen Menschenleben gekostet, davon nur rund 800 000 im Bürgerkrieg. Millionen fielen dem Klassen-Terror zum Opfer, der nicht danach fragte, was die Menschen taten, sondern wer sie waren.

Nichts Neues im Stalinismus
 
Stalin hatte für sein 1925 beginnendes Regime nichts Neues zu erfinden und nur das Erbe Lenins anzutreten. Mit der bekannten revolutionären Willkür ging Stalin daran, seine alten Mitkämpfer und jetzigen Machtrivalen als Abweichler und Verräter zu liquidieren und mit den von Lenin erprobten
Zwangsrequisitionen von Getreide fünf Millionen als Volksfeinde denunzierte ukrainische Bauern vorsätzlich dem Hungertod preiszugeben. Auch das Lagersystem des Gulag brauchte er nur ins Gigantische zu steigern.
 
Wie viele Millionen Menschenleben Stalins Regime forderte, lässt sich nicht genau ermitteln. In den endlosen Weiten Sibiriens verlieren sich zu viele Spuren. Anne Applebaum schätzt, dass zu Stalins Zeiten 28,7 Millionen Menschen als Zwangsarbeiter im Gulag schmachteten. Wie viele von ihnen
qualvoll umkamen, weiss niemand. «Wir wussten nur, dass Menschen in ungeheuren Zahlen starben», schreibt Chruschtschew, selber in den Sowjet-Terror verstrickt, in seinen Memoiren. Einigermassen gesicherte Zahlen nennt der britische Historiker Robert Conquest über Stalins im Zuge der Zwangskollektivierung geführten Vernichtungskrieg gegen die Bauern. Danach sollen zwischen 1930 und 1937 14,5 Millionen Bauern umgekommen sein, davon alleine durch die vorsätzlich ausgelöste Hungersnot in der Ukraine fünf Millionen. Schliesslich muss auch Stalins Massenmord an den Kaukasus- und Krim-Völkern erwähnt werden, die in den vierziger Jahren mit brutalsten Mitteln deportiert wurden. Genozide, von denen niemand spricht. Solschenizyn zitiert in seinem «Archipel Gulag» den emigrierten Statistikprofessor Kurganow, der die Opfer des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion von 1917 bis 1959 auf 66 Millionen Menschen beziffert. Das «Schwarzbuch des Kommunismus» rechnet sehr zurückhaltend mit zwanzig Millionen Toten, wobei wohl die Opfer des Leninschen Machteroberungskampfes nicht mitgezählt sind. Der britische Foreigns Affairs Circle nennt einschliesslich der Ziviltoten des Bürgerkriegs 35 Millionen Getötete.

Zu den Betroffenen des stalinistischen Terrors müssen aber auch noch die Opfer der sowjetischen Besetzungs- und Unterdrückungspolitik in Ost- und Mitteleuropa gezählt werden, die das «Schwarzbuch» auf rund eine Million Menschen beziffert.

Das Monster Mao
 
Als in der Sowjetunion die brutalste Phase des Massenterrors sich zu Ende neigte, begann in China ein neues kommunistisches Gesellschaftsexperiment, dessen Führer seine sowjetischen Lehrmeister bald in den Schatten stellen sollte. Mao Zedongs fanatisches Ziel, aus 600 Millionen Chinesen neue
Menschen zu machen, ein neues, noch weisses Blatt in der Geschichte aufzuschlagen, hatte das Riesenreich schon zwei Jahrzehnte lang mit einem blutigen Bürgerkrieg überzogen, bis er 1949 seinen Widersacher Tschiang Kai-Scheck endgültig vom Festland vertreiben konnte. Was nun folgte, war die gnadenlose Liquidierung der «Klassenfeinde». Der kommunistische Unterdrückungsapparat umfasste ein unzähliges Heer von Partei-Aktivisten, Propagandisten und Informanten, die jede Bewegung der Bewohner registrierten.

Die Hungersnot des «Grossen Sprungs»
 
Vom Sommer 1950 an löste eine Kampagne die andere ab, gegen «konterrevolutionäre Elemente», gegen westliche Intellektuelle, «zur Reform des Denkens», die alle zu Massenvernichtungen führten. 1951 wurden allein in Kanton innerhalb von zehn Monaten 89 000 Menschen verhaftet, von denen 23 000 zum Tode verurteilt wurden. Mao selber sprach 1957 von 800 000 liquidierten Konterrevolutionären. Tatsächlich dürften die Opfer dieses maoistischen Roten Terrors der ersten Jahre nach dem Sieg der Revolution in die Millionen gehen. Hinzu kommen die Millionen, die in sogenannten Umerziehungslagern landeten und Hunderttausende von Menschen, die dem psychischen Terror der Stigmatisierung als Volksfeinde und Ungeziefer nur durch den Freitod zu entgehen wussten. 1958 setzte Mao in seinemrücksichtslosen ideologischen Fanatismus zur Zwangskollektivierung der Bauern in den sogenannten Volkskommunen an, welche die wohl grösste Hungersnot Chinas auslöste. Statt Felder zu bewirtschaften, wurden ganze Bauernarmeen zu nutzlosen Dammbauten abkommandiert. Offiziell wird die Opferbilanz dieses «Grossen Sprungs nach vorn» mit 20 Millionen Toten angegeben, andere Schätzungen sprechen von bis zu 43 Millionen Toten.

Max Frisch begrüsste Kulturrevolution

Wenige Jahre nach dieser vorsätzlich verursachten Katastrophe blies Mao zur Kulturrevolution mit ihren brutalen Exzessen, nur um die ausser Rand und Band geratenen Jung-Revolutionäre nach getaner Arbeit ebenso rücksichtslos von der Armee zusammenschiessen zu lassen. Eine Million Tote. Obwohl vom ideologischen Pfad der sowjetischen Vorbilder abgewichen, eiferte der «Grosse Steuermann» Lenin und Stalin auch in der Errichtung eines eigenen Lagersystems nach. Der chinesische Bürgerrechtler Harry Wu schätzt, dass seit 1949 mehr als fünfzig Millionen Chinesen ins Laogai-System gesperrt wurden; Millionen davon bleiben für immer verschollen. Gegenüber diesem unvorstellbaren Massenterror ist, wie Harry Wu festhält, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz «eine Bagatelle».

Kein Wunder, nicht wenige der heute massgeblichen Politiker und Intellektuellen waren bekennende Maoisten oder standen dem Massenmörder gedanklich nahe. «Es dürfte nicht richtig sein, von einer Unterdrückung des Volkes zu reden», schreibt der bereits erwähnte Frank A. Meyer nach eine Reise in Maos Reich, wenige Jahre nach der blutigen Kulturrevolution. Man habe «in China nie den Eindruck, sich in einer Atmosphäre der Unterdrückung zu bewegen. Die Menschen bewegen sich ungezwungen, sind fröhlich». Und noch eins drauf setzt der Grossvater der 68er, Max Frisch: «Wie kaum je auf Reisen in der Roten Welt begleitete mich (in China) ein Glücksgefühl.» Der angebliche Humanist entdeckt, ungetrübt durch Massenmorde und Lagerwelten, im Lande des «Grossen Steuermanns» «eine Politik, die über den Ökonomismus hinauszielt und in erster Linie eine sozialethische Einstellung anstrebt ...»

Auf 1,6 Millionen Tote wird die Bilanz des grausamen und bis heute andauernden kommunistischen Regimes in Nordkorea geschätzt, ein Land, dessen angebliche Idylle den heutigen SP-Nationalrat und Bahn-Lobbyisten Peter Vollmer einst ans Emmental erinnerte.

Zwei Millionen Ermordete

Unmittelbare Folge des amerikanischen Rückzugs aus Südostasien war schliesslich der Sieg der Roten Khmer in Kambodscha («Über Phnom Penh weht die Flagge der Freiheit», titelte Sartres Zeitung «Libération»). Blindwütig, von einem kruden ideologischen Mischmasch von Marx und Mao getrieben, schafften es die roten «Befreier» Kambodschas, in vier Jahren zwei Millionen ihrer Landsleute auf brutale Weise umzubringen. Der kambodschanische Völkermord ist für die heutigen Generationen nicht ferne Vergangenheit, sondern war miterlebte Gegenwart. Doch deren Opfer lassen die heute jederzeit nach Menschenrechten rufenden Gutmenschen merkwürdig unberührt. Wie übrigens auch die Opfer des sowjetkommunistischen Eroberungsdrangs in Afghanistan, Angola, Äthiopien oder Moçambique. So verdrängt eine Generation ihr Mitwissen an Völkermorden, deren Ursachen im globalen Gültigkeitsanspruch einer Ideologie liegen, die schliesslich von nicht wenigen im Westen als gesellschaftlicher Fortschritt, wenn nicht gepriesen, so doch akzeptiert wurde.

Jean Zieglers Lobgesang auf Massenmörder

Und in dieses Kapitel gehört wohl auch das Kuba Fidel Castros, der bis heute zwar nicht mehr als Revolutionsheld bewundert und gefeiert, doch mit grösster Nachsicht behandelt wird. Zwischen 15 000 und 17 000 Kubaner haben Castros Menschheitsbeglückung mit dem Leben bezahlt, Zehntausende in seinem Tropen-Gulag geschmachtet, mehr als eine Million flüchteten aus seinem roten Paradies. Sein anti-imperialistischer Fanatismus, der die Welt im Oktober 1962 an den Rand eines nuklearen Krieges führte, kann dem Nimbus des Fanatikers ebensowenig schaden wie der Ikonen-Bildung um seinen Mittäter Che Guevara. «Was uns fehlt, ist die Überzeugung Guevaras, anderen das Leben zu nehmen sei eine Tat, die manchmal notwendig, oft sogar heroisch ist», so der heute als globaler Moralprediger in Uno-Diensten tätige Ex-Nationalrat Jean Ziegler. Und in solchem Schlepptau sparen sich westliche Publizistik und Politik ihre moralische Entrüstung für den greisen General Pinochet auf, dessen Regime zwar auch rund 3000 Menschen zum Opfer fielen. Immerhin aber ist Chile seit zwanzig Jahren wieder Demokratie. In den letzten Reservaten des kommunistischen Wahns, in Nordkorea und Kuba, darf derweil gehungert, gedarbt und weiter gelitten werden.

Verdrängen, verharmlosen, verhöhnen

Die Verdrängung und Verharmlosung des roten Massenmordens, dieses Schlüsselereignisses des letzten Jahrhunderts, dem während achtzig Jahren wohl hundert Millionen Menschen zum Opfer fielen, in welchem Millionen Freiheit und Gesundheit verloren und das Hunderte von Millionen in eine lebensfremde und verlogene ideologische Zwangsjacke steckte, derweil überall nur Massenelend, verwüstete Landschaften, seelisch geschädigte Menschen und Zynismus zurückliess, ist wohl eines der unfassbarsten Phänomene der Geschichte. Und es ist über allem eine Verhöhnung seiner unschuldigen Opfer.

Die Opferbilanz des Kommunismus in Zahlen vermag, wie Anne Applebaum in ihrer Geschichte des Gulag zu Recht schreibt, das unermessliche Leid dieser Menschheitsbeglückungs-Ideologie, dieses ersten und einmaligen globalen Verbrechens nicht wiederzugeben. Doch angesichts einer Erinnerungskultur, die ausschliesslich, permanent und fast rituell die jüdischen Opfer des
anderen, des braunen Massenterrors in Zahlen beschwört, mag eine Quantifizierung des weltweiten, jahrhundertlangen roten Massenmordes angebracht sein.

Paul Rothenhäusler, Hans-Ueli Sonderegger